Zimmerergesellin auf Wanderschaft

Während der Messe Dach+Holz 2012 in Stuttgart haben wir die 31jährige Wandergesellin Vivian Fremde Zimmerin im FBS getroffen. Sie arbeitete während der Messetage auf dem Stand der Restauratoren im Zimmererhandwerk und hat sich die Zeit zu einem ausgesprochen interessanten Gespräch genommen.

Vivian Fremde Zimmerin im FBS gehört mit 31 Jahren zu den älteren Wandergesellen. Sie war bereits neun Jahre Gesellin, bevor sie sich mit 29 entschloss, auf Wanderschaft zu gehen. Mit dem Start der Wanderschaft hat sie traditionsgemäß Ihren bürgerlichen Nachnamen abgelegt und stattdessen einen Titel erhalten, in ihrem Fall “Fremde Zimmerin FBS”. Das Kürzel FBS steht für ihren Schacht, den Freien Begegnungsschacht. Als Frau auf Wanderschaft kann sie nur zwischen zwei Gesellenvereinigungen wählen, oder sich entscheiden, als Freireisende loszuziehen. Männern hingegen stehen alle sieben Schächte offen, zusätzlich haben auch sie die Möglichkeit, als Freireisende zu reisen.

Der FBS nimmt nicht nur Zimmerergesellen auf, sondern jedes traditionelle Handwerk.

Vivian erzählt, dass die Entscheidung auf Wanderschaft zu gehen reiflich überlegt sein will, da man sehr genau abwägen muss, ob man wirklich alles hinter sich lassen kann. Mit der Entscheidung für einen Schacht geht man zudem eine Verpflichtung auf Lebenszeit und nicht nur für die Wanderschaft von drei Jahren und einem Tag ein.

Fünf Voraussetzung müssen erfüllt sein, um überhaupt zur Wanderschaft zugelassen zu werden: man muss schuldenfrei sein, nicht vorbestraft, kinderlos, ungebunden, bei Antritt der Wanderschaft maximal 30 Jahre alt und man muss einen Gesellenbrief haben.

Als nächstes gilt es, einen Exportgesellen oder auch Altreisenden zu finden, der den Gesellen drei Monate begleitet und in die Regeln und Gebräuche der Wanderschaft einführt. Innerhalb dieser drei Monate hat der Geselle noch die Chance, sich gegen die Wanderschaft zu entscheiden, es ist eine Art Probezeit. Vivian erzählt aber, dass sich nur die Wenigsten gegen die Wanderschaft entscheiden, die einmal den Entschluss gefasst haben. Nach den drei Monaten entscheidet der Altreisende, ob der neue Wandergeselle sich ehrenhaft verhalten hat und somit aufgenommen ist und die Wanderschaft fortsetzen darf.

Die Tippelei ist an schwierige Bedingungen geknüpft. So darf der Wandergeselle während der Reisezeit seinen Heimatort in einem Bannkreis von 50km nicht betreten, es gibt einen Schacht, bei der es sogar 60km sind. Außerdem darf er sich nie länger als 3 Monate an einem Ort aufhalten, um immer ein Fremder zu bleiben. Der Wandergeselle besitzt kein eigenes Fahrzeug und bewegt sich meist zu Fuß oder per Anhalter fort. Öffentliche Verkehrsmittel sind nicht verboten, aber eher verpönt.

Im ersten Jahr der Tippelei darf sich der Wandergeselle nur im deutschsprachigen Raum aufhalten, danach steht ihm die Welt offen.

Alle Regeln werden seit jeher nur mündlich überliefert und innerhalb der Vereinigungen gehütet. Vivian erklärt es mit dem Bild einer Tür, die sich beim Eintritt schließt und nur hinter dieser Tür dürfen die Wandergesellen darüber reden, was auf der Wanderschaft geschieht.

Bevor die Wanderschaft beginnt, bekommt der Geselle einen Ohrring – oft tatsächlich noch auf einem Holztisch – in das Ohr genagelt. Er wird somit auf sein Versprechen, die Wanderschaft ehrbar zu begehen, “festgenagelt”. Früher war es noch Brauch, dass dem Wandergesellen dann ein goldener Ohrring überreicht wurde, mit dem im Todesfall seine Beerdigung bezahlt werden konnte. Sollte sich ein Tippelbruder unehrenhaft verhalten, wird ihm der Ohrring herausgerissen. So ist der Geselle für sein Leben als “Schlitzohr” gekennzeichnet. Ihm wird die Kluft ausgezogen und er wird heimbegleitet.

Die Kluft ist für Wandergesellen extrem wichtig. Sie entstand aus dem Brauch, das Gesellen auf Wanderschaft im besten Anzug reisten, welcher aus Hose, Hemd, Weste, Jackett und Hut bestand. Erst seit ca. 180 Jahren gibt es die Kluft, wie sie heute bekannt ist. Bevor sich ein Geselle auf Wanderschaft begibt, lässt er sich seine Kluft maßschneidern, da die handelsübliche Kluft zum Arbeiten geeignet ist, aber bei langen Wanderungen eher unbequem ist. Ein Wandergeselle darf sich in der Öffentlichkeit nur in der traditionellen Kluft zeigen.

Das Gepäck wird kunstfertig in einem Beutel, Charly (Charlottenburger) genannt, verschnürt mit sich getragen. Viel ist es nicht, was da hineinpasst, oder was sich über lange Strecken so tragen lässt. Ein wenig Wechselkleidung, Artikel für die Körperhygiene und natürlich Schuhputzzeug, denn das eigene Erscheinungsbild ist das Aushängeschild des Wandergesellen und es wird großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt.

Vivian bezeichnet die Wanderschaft als berufliche und gesellschaftliche Fortbildungsreise. Es ist immer wieder eine Herausforderung, sich schnell auf neue Begebenheiten einzustellen. Das selbständige Arbeiten ist extrem wichtig, da man sich nicht lange genug an einem Ort befindet, um ordentlich “eingearbeitet” zu werden.

Heutzutage werden Wandergesellen nach dem ortsüblichen Tarif bezahlt, wünschenswert wäre es jedoch, wenn sie auch immer noch freie Kost und Logis dazu erhalten, denn auch ein Wandergeselle muss Krankenversicherungen zahlen, ca. einmal im Jahr ist eine neue maßgeschneiderte Klufthose fällig, oder die Schuhe müssen frisch besohlt werden.

Ein Wandergeselle weiß nie genau, wo er sich am nächsten Abend befindet, es kann durchaus passieren, dass die nächste Schlafstätte unterwegs im Vorraum einer Sparkasse sein wird.

Für Vivian ist es nicht nur ein Erlebnis auf Wanderschaft zu sein, es ist auch eine Lebenseinstellung. Sie ist offen für alles Neue und plant nicht weit im Voraus. Ihr großer Traum ist es, in der nächsten Zeit bis nach Schottland zu reisen. Bislang hat sie Deutschland, Österreich und die Schweiz bereist.

Vivian legt jedem Gesellen nahe, über die Tradition der Tippelei und die Wanderschaft nachzudenken. Ihr Aufruf geht an alle, die grade die Ausbildung beenden:
“Wer seine Ausbildung zu Ende gebracht hat, soll seinen Arsch in Bewegung bringen [und auf Wanderschaft gehen] – es lohnt sich. Tippelei hat schon aus Weicheiern Kerle gemacht”


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