… denn Abgerechnet wird immer erst ganz am Ende

Nachdem die Zimmerer-Nationalmannschaft neulich ein Interview mit dem ehemaligen WorldSkills Weltmeister aus dem Jahr 1967,  Albert Baumann, geführt hat, haben wir uns gedacht, wieso in die Ferne schweifen… Schließlich lernen unsere Azubis am Zimmerer Ausbildungs Zentrum nur von den Besten: wir haben einen Vize-Europameister, der gleichzeitig auch Vize-Weltmeister ist, und einen waschechten Weltmeister zu bieten.

Ausbildungsmeister Michael Rieger wurde 2000 Vize-Europameister in Epinal, Frankreich und 2001 Vize-Weltmeister in Seoul, Süd-Korea. Ausbildungsmeister Jochen Ströhle wurde 2003 sogar Weltmeister in St. Gallen in der Schweiz.

Im Hinblick auf die diesjährigen WorldSkills in Leipzig haben wir den beiden ein paar Fragen zu ihren Erfahrungen und Erlebnissen gestellt.

In welchem Jahr hast Du an den WorldSkills teilgenommen und wo fanden sie statt?
Michael Rieger (MR): Ich habe 2001 an der WM in der Hauptstadt von Süd-Korea, Seoul, teilgenommen und bin dort Vize-Weltmeister geworden. 2000 in Epinal, Frankreich wurde ich Vize-Europameister.

Jochen Ströhle (JS): 2003. Der Wettbewerb fand in der Schweiz in St. Gallen statt.

Wie alt warst du da und wie alt bist du heute?
MR:
Mit 22 wurde ich Vize-Weltmeister. Nun bin ich 34 und darf die Jungs trainieren, die sich diesem Wettkampf stellen.

JS: Ich war damals 21 Jahre alt.

Wie sind dir die WorldSkills in Erinnerung geblieben, was war der tollste/ aufregendste/ schlimmste Moment?
MR:
Der tollste Moment ist dann, wenn die letzte Schraube im Holz verschwindet. Auch jetzt noch, wenn man die Jungs begleitet und sie vier Tage alles geben, fällt am Ende ein riesiger Druck ab. In diesem Moment spielt die Platzierung noch keine Rolle.

JS: Es war eine sehr tolle, schöne und erfahrenswerte Zeit. Toll fand ich, dass man die anderen Teilnehmer des selben Gewerks arbeiten sehen konnte. Hier kamen ganz andere Arbeitsweisen ans Tageslicht. So hatte zum Beispiel der Japaner sein Holz nicht in der Hobelbank eingespannt, um es zu bearbeiten, sondern hielt es mit seinen Zehenschuhen auf einem Bock fest.

Weiterhin fand ich auch die anderen Berufe sehr interessant. Egal ob Friseur, Steinmetz, Köche, Floristen… Man kann es fast gar nicht glauben, ohne das man es einmal gesehen hat.

Aufregend war einfach schon der Beginn. Man ist als “Team Deutschland” mit dem Bus angereist, alle gleich eingekleidet, und konnte erst einmal das Wettbewerbsgelände anschauen. Dann kam die Eröffnungsfeier – man läuft als Team in eine menschen-gefüllte Halle ein, alle jubeln und feiern dich. Einfach Spitzenklasse.

Der schlimmste Moment für mich war eigentlich immer die Zeit vor dem Zusammenbau. Das Problem: sobald du einmal vom Reißboden herunter bist, d.h. du bist nun beim ausarbeiten, kommen alle Zuschauer (damals in St. Gallen auf vier Tage verteilt ca. 180.000 Menschen) um deine Absperrung herum und wollen etwas sehen. Hierbei sind natürlich auch “Spione” anderer Länder zugange. Ist man also beim Zusammenbau und stellt dann fest, dass etwas nicht passt, gelangt dies natürlich in Umlauf und man kommt in Hektik.

Das Problem hatte ich aber zum Glück bei der WM nicht. Als ich das erste Modul zusammengebaut hatte und alles passte, habe ich selbst in die Menschenmenge applaudiert. Das gab den Zuschauern den Anstoß auch zu applaudieren. Somit schauten die Konkurrenten wieder auf, sahen, das es bei einem anderen Teilnehmer einen Erfolg zu verzeichnen gab, und kommen gleich ein bisschen ins Schwitzen.

Haben dir die WorldSkills etwas für dein späteres Leben / Beruf gebracht?
MR:
Natürlich, unvergessliche Erinnerungen. Auch Stolz mit Anderen Deutschland vertreten zu dürfen und das Beste gegeben zu haben. Für den Beruf habe ich gelernt am Ball zu bleiben. Abgerechnet wird immer erst ganz am Ende.

JS: Erfahrung. Sehr großes Interesse am Beruf. Und es machte sich natürlich schon gut in den Bewerbungsunterlagen.

Siehst du einen Unterschied zwischen den Wettkämpfen damals und heute? Gab es damals auch schon ganze Teams? Wie wurdest du auf den Wettbewerb vorbereitet?
MR:
Die Wettkämpfe werden vermutlich von ca 150.000 vielleicht auch 200.000 Leute besucht. Das war 2001 in Korea vergleichbar.

Da von jedem Beruf nur ein Teilnehmer pro Land teilnehmen darf, besteht das Deutsche Team 2013 aus ca. 40 Teilnehmern. Ein Koch, ein Möbelschreiner, ein Goldschmied usw. Deutschland tritt dieses Jahr in besonders vielen Berufen an, das bringt das “Heimspiel” in Leipzig mit sich.

Bei unserem damaligen Olympischen Team waren wir 33 Teilnehmer. Das erste Kennenlernen der deutschen Mitstreiter und die Vorbereitung an der WM als Mannschaft aufzutreten, ist durchaus vergleichbar mit heute.

Was sich bei den Zimmerern stark verändert hat ist das eigene Training. Über das Jahr hinweg, besteht nun die Möglichkeit mit anderen gemeinsam intensiver zu trainieren. Wir haben eine Nationalmannschaft die aus vielen Richtungen unterstützt wird.

HBD hat Leistungspartner aus der Industrie die uns z.B. mit Maschinen ausstatten. Andere geben uns die Möglichkeit an öffentlichen Veranstaltungen zu trainieren und so unter ähnlichem Druck wie bei der WM zu arbeiten.

Meine Vorbereitung war persönlicher. Ich war oft in Biberach im ZAZ und habe dort die Unterstützung von Roland Schumacher bekommen, die ich brauchte. Aber heute wie früher ist alles nur umsetzbar durch unsere Teilnehmer.

JS: Es gibt in meinen Augen einen sehr großen Unterschied, so zum Beispiel den Einsatz von Maschinen. Man konnte schon sämtliche Maschinen verwenden, die musste man aber selbst mitbringen.

Weiterhin das ganze Sponsoring. Das gab es nicht so wie heutigen Umfang. Damals hat man die bisherigen Kontakte weitergenutzt und versucht neue Sponsoren zu finden, was aber nicht einfach war. Durch unsere heutigen Sponsoren können die Teilnehmer viel besser vorbereitet werden, das empfinde ich als eine gute Sache.

Damals gab es halt das “Team Deutschland”, in dem dann alle Berufe eines Landes vertreten waren. Einen Fanclub so wie heute gab es in der Form nicht. Klar waren zum Beispiel Roland Schumacher, Michael Rieger oder mein damaliger Chef zugegen, sonst aber in diesem Sinne niemand. So wie es jetzt ist, und das fand ich auch in Stuttgart bei der EM richtig spitze! Es macht für andere Länder, andere Teilnehmer und für den eigenen Teilnehmer einfach was her. Der eigene Teilnehmer weiß hier auch, dass viele Menschen hinter ihm stehen. Das gibt einfach gedanklich schon sehr viel Kraft.

Die Vorbereitung bei mir war schon intensiv, war aber nicht so wie jetzt. Aber ich denke dies hängt auch mit den ganzen Sponsoren zusammen.

Wirst du in Leipzig live dabei sein?
MR:
 Ja ich werde live dabei sein und Andreas Fichter die Daumen drücken. Den dritten und vierten Wettkampftag kann ich nur jedem empfehlen. Am dritten Tag gibt es vieles zu sehen und die Atmosphäre am Vierten ist unschlagbar. Wenn über 1000 Wettkämpfer im Endspurt alles geben und der Schlusspfiff ertönt!

JS: Bis jetzt werde ich leider nicht dabei sein. Unter der Woche bin ich ja hier in der Ausbildung tätig. Am Wochenende dann hochfahren lass ich mir heute noch offen


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Jochen Ströhle (links) und Michael Rieger